Zwischen sieben Bergen und historischer Spurensuche: Dr. Karin Jäckel entführte das Publikum auf die Reise zum "wahren" Schneewittchen
Oberkirch, 16. Januar 2026 (apg): Als die Besucherinnen und Besucher am Freitagabend die Mediathek Oberkirch betraten, empfing sie eine Atmosphäre, die märchenhafter kaum hätte sein können. Liebevoll platzierte Scherenschnitte mit Schneewittchen-Motiven zierten die Tische als dezente Aufsteller, leuchtende und glitzernde Dekorationselemente ließen den Raum im sanften (LED-) Kerzenschein erstrahlen. Man spürte: Hier war mit Herzblut ein Abend vorbereitet worden, der weit über eine gewöhnliche Lesung hinausgehen sollte.
Und so kam es auch.
Im Zentrum des Abends stand Dr. Karin Jäckel, Vorsitzende des Fördervereins der Mediathek Oberkirch und Leiterin des AutorenNetzwerks Ortenau-Elsass®. Als promovierte Kunsthistorikerin und erfahrene Verlegerin war sie in ihrem Element, als sie mit einem aufwendig recherchierten PowerPoint-Vortrag der Frage nachging: „Wer war Schneewittchen wirklich?"
Was folgte, war keine bloße Märchennacherzählung, sondern eine faszinierende historische Spurensuche zwischen Spessart und Kellerwald, zwischen Mythos und Wirklichkeit. Jäckel spannte den Bogen von den Gebrüdern Grimm über zwei historisch belegte Frauen – Maria Sophia von Erthal aus Lohr am Main und Margarete von Waldeck aus Bad Wildungen – bis hin zur symbolischen Bedeutung der Märchenelemente.
Dabei blieb kein Detail unerwähnt: Die „sprechenden Spiegel" aus der Spiegelmanufaktur in Lohr, die grausame Kinderarbeit in den Bergwerken des 16. Jahrhunderts, wo „Zwerge" – kleinwüchsige Menschen und Kinder – unter unmenschlichen Bedingungen schufteten, und die vergifteten Äpfel als Metapher für Arsen, das tatsächlich in grüner Farbe und Apfelschalen vorkam.
Besonders eindringlich: Der Hinweis auf die Erstversion von 1812, in der nicht die Stiefmutter, sondern die leibliche Mutter Schneewittchen umbringen lassen wollte – ein Detail, das die Brüder Grimm später änderten, um das Märchen „erträglicher" zu machen.
Die ironische Schlussfolie des Vortrags – „Und da sie schon gestorben sind, so leben sie nicht mehr heute" – brachte den paradoxen Kern des Märchens auf den Punkt: Beide historischen Schneewittchen hatten kein Happy End. Maria Sophia erblindete an Pocken und starb unverheiratet als Ordensschwester, Margarete von Waldeck wurde mit 21 Jahren am Brüsseler Hof vermutlich mit Arsen vergiftet.
Aus tragischen Schicksalen wurde Literatur. Aus Wirklichkeit wurde Geschichte. Und aus Geschichte wurde Märchen.
Doch der Abend lebte nicht nur vom Vortrag. Sabine Schneeberger aus Lahr, die als Preisträgerin des Schreibwettbewerbs ins AutorenNetzwerk gefunden hatte, eröffnete den literarischen Teil mit ihrer Geschichte „Das geheimnisvolle Amulett" – eine traurig-hoffnungsvolle Zeitreise ins Mittelalter und zurück.
Auf magische Weise verschmelzen in ihrer Geschichte Gegenwart und Vergangenheit: Lena bekommt von ihrer Großmutter ein altes Schutzamulett mit schwarzem Turmalin. Im Traum erlebt sie die grausame Geschichte ihrer Vorfahrin Magdalena, die 1473 die Katastrophe eines Erdrutsches überlebte – nur um später als vermeintliche Hexe fast verbrannt zu werden.
Schneebergers Erzählkunst zog das Publikum in den Bann: atmosphärisch dicht, historisch fundiert und doch voller Fantasie und Hoffnung.
Die Freiburger Autorin, Sängerin und Spielerfinderin Viola de Galgóczy komplettierte das literarische Trio mit einer Lesung aus ihrem Fantasy-Roman „Lisas Abenteuer in Melandrien" (Band 2, ISBN 978-3-03831-316-8): zur Webseite
Mit einfühlsamer Stimme las sie die Anfangsszene, in der Lisa am Klavier sitzt und den Cis-Walzer von Frederik Chopin übt, als plötzlich ihr Vater im Garten ihren geliebten Walnussbaum fällt:
„Endlich Wochenende. Lisa saß am Klavier und übte den Cis-Walzer. Geschmeidig glitten ihre Finger über die weißen und schwarzen Tasten. Aber was war das im Garten plötzlich für ein Lärm? Lisa ging ans Fenster und schaute hinaus. Sie stutzte: Was um Himmels Willen tat Vater dort mit einer knatternden Motorsäge? Er ging zu ihrem Lieblingsbaum, einem schönen alten Walnussbaum, und sägte munter drauflos in den Stamm hinein, dass die Späne nur so flogen. ‚Halt! Was tust du denn da? Hör sofort auf!'"
Der Konflikt zwischen Lisa und ihrem Vater wird zum Auslöser einer neuen Reise ins Traumland Melandrien – wo unterdessen König Modzog, Herrscher über das Höhlenreich Borduna unter den Felskappengebirgen, von seinem genialen Erfinder Philon ein neues Wunderwerk präsentiert bekommt: einen dampfbetriebenen Pfeifenapparat.
Doch die riesigen Mengen Feuerholz für die Dampferzeugung stammen aus den großen Wäldern – und niemand ahnt, dass diese Wälder bewohnt sind. Von den Dryaden, den Waldgeistern, die sich rächen werden.
De Galgóczys Erzählung verbindet moderne Alltagskonflikte mit einer fantastischen Parallelwelt voller Zwerge, Dampfmaschinen und Waldgeister – eine faszinierende Parallele zum Schneewittchen-Thema des Abends, bei dem ebenfalls Bäume, Zwerge und Ungerechtigkeit eine zentrale Rolle spielen.
Musikalisch begleitete Gerd Birsner, Lied-Poet, Mundartdichter und ehemaliger Ortsvorsteher, den Abend mit einer emotionalen Intensität, die viele Zuhörerinnen und Zuhörer sichtlich berührte.
Mit seiner Gitarre und seiner warmen, authentischen Stimme verlieh er dem Märchenabend eine ganz eigene Note: Mal augenzwinkernd („Beiß nicht gleich in jeden Apfel"), mal nachdenklich („What a Wonderful World"), mal humorvoll mit seinen Anekdoten aus seiner Zeit als „Ortsrumsteher".
Besonders bewegend: Seine badische Version des Abschlusslieds über den „badischen Himmel" als Metapher für Heimat und Geborgenheit.
Jacob Ludwig Carl Grimm (* 4. Januar 1785 in Hanau; † 20. September 1863 in Berlin)
Wilhelm Carl Grimm (* 24. Februar 1786 in Hanau; † 16. Dezember 1859 in Berlin)
Die Brüder Grimm gelten als Begründer der modernen Germanistik und der wissenschaftlichen Volkskunde. Ihr größtes Werk: die „Kinder- und Hausmärchen", deren erster Band am 20. Dezember 1812 erschien.
Wichtige Fakten:
29. Januar 2026, 17:30 Uhr: Holzwurm Sasbachwalden
„Winteraustreibung, Mummenschanz, Fasent" – Mundartlich und musikalisch mit Hans & Franz, Ludwig Hillenbrand, Rainer Domfeld und Karin Jäckel
24. Februar 2026, 19:00 Uhr: Illenau-Werkstätten Achern
Literarisch-musikalischer Abend | Eintritt: 10 € (Abendkasse), 9 € (Reservierung)
19. März 2026, 17:30 Uhr: Holzwurm Sasbachwalden
„KI versus Autor" – Ein literarisches Experiment mit Gewinnspiel: Welcher Text ist von KI?
Info & Reservierung: info@editionblauestunde.com | Tel. 07802-7010030