Morgenröte statt Morgen-Elend
Da sitzt er nun, der Osterhase – fertig mit der Welt, die Augen glasig, die Flasche in der Hand, den Rest der Würde irgendwo zwischen den zerbrochenen Schokoladeneiern verloren. „Mann, ich brauch' Urlaub.“ Man muss schmunzeln. Und ja, die Karikatur ist lustig. Aber bleiben Sie kurz bei mir.
Denn irgendwann zwischen dem dritten Sektfrühstück und der fünften Festtags-Praline haben wir offenbar vergessen, worum es eigentlich geht. Ostern und viele andere Festtage, sind zum Konsumrausch verkommen. Ein Fest des Überflusses, der Völlerei, der Genusssucht, garniert mit niedlichen Häschen und bunten Eiern. Dass der Hase auf dem Bild am Ende seines Lateins ist, überrascht nicht. Er spiegelt, was viele von uns aus dem Fest gemacht haben: ein Rennen nach „mehr“, das in der Leere endet.
Und dann wundern wir uns. Über den Zustand dieser Welt. Über Kriege, die nicht enden wollen. Über Hass, der ganze Nationen vergiftet. Über Missgunst, Eifersucht und Neid, die schon im Kleinen, am Gartenzaun, bei der Arbeit, in der Familie Beziehungen zerstören. Könnte es sein – nur als leiser Gedanke –, dass dieses rastlose, maßlose Feiern und dieses tiefe Elend aus derselben Wurzel wachsen? Aus einer Welt, die das Wesentliche verloren hat?
Christsein heißt nicht, das Leben nicht zu genießen. Im Gegenteil. Wer in der Liebe Christi lebt, erfährt eine Freude, die tiefer reicht als jeder Rausch und länger hält als jeder Urlaub. Eine Freude, die bleibt, wenn die Flaschen leer und die Schokolade aufgegessen ist.
Ostern erinnert uns an das Größte, was je geschehen ist: Jesus Christus, der eingeborene Sohn Gottes, ist für uns am Kreuz gestorben – und auferstanden. Nicht als Metapher, nicht als hübsches Gleichnis, sondern ganz real. Er hat den Tod besiegt. Für dich, für mich, für uns alle. Das ist kein Feiertags-Kitsch. Das ist die Morgenröte eines neuen Lebens.
Und damit sind wir auch beim Namen: Das Wort „Ostern“ hat nichts mit einer vermeintlichen germanischen Göttin „Ostara“ zu tun – auch wenn dieser Mythos sich hartnäckig hält. Die Göttin ist eine gelehrte Erfindung, populär gemacht durch Jacob Grimm im 19. Jahrhundert, der sich wiederum auf den angelsächsischen Mönch Beda Venerabilis aus dem Jahr 725 stützte. Beda konstruierte aus dem Monatsnamen „Eosturmonath" eine Göttin „Eostre", die sich historisch nicht belegen lässt. In Wahrheit stecken im Wort „Ostern“ die Himmelsrichtung Osten und die Morgenröte der germanischen Sprachen – althochdeutsch „eostarun“. Denn in der Liturgie der frühen Christen fiel der Zeitpunkt der Auferstehung Christi auf den Tagesanbruch. Ostern ist das „Fest der Morgenröte“. Die Kirchen wurden nach Osten gebaut, dorthin, wo die Sonne aufgeht, dorthin, woher Christus wiederkommen wird. Was für ein Bild! Keine heidnische Fruchtbarkeitsgöttin – sondern das erste Licht des Ostermorgens, das die Dunkelheit des Todes bricht.
Ich wünsche vielen Menschen diese Erfahrung und Erkenntnis. Dass Ostern mehr ist als Eiersuche und Bratenduft. Dass in der Auferstehung Christi eine Kraft liegt, die unser Leben wirklich verwandeln kann – heraus aus Maßlosigkeit, Leere und Rastlosigkeit, hinein in Liebe, Frieden und eine Freude, die von innen kommt.
Es lohnt sich.
Und dem Osterhasen auf dem Bild? Dem sei verziehen. Er kennt es halt nicht anders. Aber vielleicht schaut er dieses Jahr mal nicht in die Flasche – sondern nach Osten.
[apg im April 2026]