#RegioGespräch: Wie ein Verwaltungsprofi mit Oldtimer-Leidenschaft die Ortenau-Gemeinde zwischen Tradition und Moderne voranbringen will
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Er könnte glatt als „Stift" durchgehen, doch Philipp Klotz führt mit seinen 28 Jahren bereits eine ganze Gemeinde. Im Gespräch zeigt sich: Der junge Bürgermeister vereint Bodenständigkeit mit Visionen - und versucht „nebenbei" Millionenförderungen nach Kappel-Grafenhausen zu holen.
November 2025, Kappel-Grafenhausen, apg: Wenn Philipp Klotz bei Vereinsfesten Schichten im Bierwagen übernimmt oder im Festzelt aushilft, vergisst man leicht, dass hier der Bürgermeister selbst Hand anlegt. Doch genau diese Nähe zu den Bürgern macht den 28-Jährigen aus, der seit dem 1. März 2024 die Geschicke von Kappel-Grafenhausen lenkt.
„Ich bin in die kommunale Welt hineingewachsen und es hat mir von Anfang an Spass gemacht", erzählt Klotz im Interview. Nach seiner Verwaltungsausbildung an der Hochschule für öffentliche Verwaltung und Finanzen in Ludwigsburg startete er seine Karriere in Weingarten bei Bruchsal. Zuletzt arbeitete er als Abteilungsleiter in der Finanzverwaltung der Stadt Waldkirch. Die Motivation für den Schritt ins Bürgermeisteramt? „Man kann gestalten. Wenn ich heute durch meine alten Schaffensstätten fahre und an Projekten vorbeikomme, für die ich die Förderung organisiert habe, erfüllt mich das mit Stolz."
Bewusst trat er als Parteiloser an: „Als Bürgermeister vertritt man seine Gemeinde und deren Interessen - das funktioniert als Parteipolitiker meiner Meinung nach nicht optimal." Mit 58,81 Prozent der Stimmen gewann er am 3. Dezember 2023 die Wahl deutlich gegen Alexander Schindler (26,76%) und Rebecca Wild (14,39%).
Sein grösster Coup nach 18 Monaten im Amt: Klotz versucht erstmals, ein Landessanierungsprogramm nach Kappel-Grafenhausen zu holen. „Während Nachbargemeinden wie Ettenheim oder Mahlberg bereits im zweiten oder dritten Sanierungsgebiet sind, hatten wir noch keines", erklärt er. Ein Sanierungsgebiet ist ein förmlich festgelegter Bereich einer Gemeinde, in dem städtebauliche Missstände behoben werden sollen. Das Förderprogramm existiert seit über 50 Jahren, doch seine Vorgänger hatten nie die Zeit gefunden, die aufwendige Grundlagenarbeit zu leisten. Klotz packte es an - der Antrag ist gestellt, das Gemeindeentwicklungskonzept in Arbeit. Bei Bewilligung kann er acht Jahre lang Fördermittel zwischen drei und sechs Millionen Euro abrufen.
Die To-do-Liste des jungen Bürgermeisters ist lang: Eine Naturkindergartengruppe soll im Frühjahr 2026 starten, das Schulkonzept muss für den ab 2026 geltenden Ganztagsanspruch überarbeitet werden, und das Rathaus platzt aus allen Nähten. „Wir pfeifen raumtechnisch aus dem letzten Loch", beschreibt Klotz die Situation. „Wir bauen gerade unser Lager zu Büros um. Danach haben wir keinen Sozialraum, keinen Besprechungsraum mehr - nur noch Büros." Die Lösung: Die Rathausstrasse 4 wurde gekauft, ein Anbau ist im Rahmen des Landessanierungsprogramms geplant.
Der junge Bürgermeister spricht offen über Zielkonflikte: Beim Hochwasserschutz kollidieren Naturschutz und Bürgersicherheit. Die Elz darf wegen geschützter Bachmuscheln nicht ausgebaggert werden - ein Problem, das bei Starkregen zur Gefahr werden könnte. „Wir stehen uns manchmal selbst im Weg", formuliert er diplomatisch seinen Wunsch nach pragmatischeren Lösungen und weniger Verwaltungsebenen.
Privat zeigt sich eine überraschende Seite des Verwaltungsprofis: Klotz restauriert und fährt Oldtimer. Ein Unimog und eine alte S-Klasse stehen in der Garage. „Leider bleibt immer weniger Zeit zum Fahren", bedauert er. Die Fahrzeugliebe ist auch Ausdruck seiner Heimatverbundenheit: „Wir leben in der Ortenau im Paradies. In 20 Minuten bin ich im Elsass, in 20 Minuten im Schwarzwald."
Auch bei der Wohnungssuche teilt er das Schicksal vieler junger Menschen in der Region. Ein Grundstück in Kappel-Grafenhausen fand sich nicht. Nun baut er bei seinem Onkel in Schutterzell. Die 16 Minuten Fahrtzeit nimmt er als Vorteil: „Wenn ich abends mit dem Hund spazieren gehe, habe ich auch mal Feierabend."
Was Kappel-Grafenhausen besonders auszeichnet? „Ein unglaublich aktives Vereinsleben und eine unglaublich motivierte Bevölkerung. Ich kenne keine Kommune in der Umgebung mit so vielen aktiven Vereinen", schwärmt Klotz. Diese Energie will er nutzen, um die beiden Ortsteile noch stärker zusammenzuführen. Das 50+1-jährige Jubiläum der Gemeindefusion hat bereits viel bewegt, „aber das soll kein Strohfeuer sein."
Mit Philipp Klotz hat Kappel-Grafenhausen einen Bürgermeister, der anpackt statt abwartet. Nach achtzehn Monaten im Amt zeigt sich: Der Mix aus jugendlicher Energie, Verwaltungserfahrung und Bürgernähe funktioniert. Die ersten Erfolge - vom besetzten Rathaus-Team bis zur Millionenförderung - geben ihm recht.
Recherchequellen:
Deutscher Städte- und Gemeindebund - Gemeindetag Baden-Württemberg - Statistisches Landesamt BW - Gemeinde Kappel-Grafenhausen
Wer ist Philipp Klotz und seit wann ist er Bürgermeister von Kappel-Grafenhausen?
Philipp Klotz ist seit dem 1. März 2024 Bürgermeister von Kappel-Grafenhausen. Er ist 28 Jahre alt, parteilos und gehört damit zu den jüngsten Bürgermeistern Baden-Württembergs. Zuvor war er Abteilungsleiter in der Finanzverwaltung der Stadt Waldkirch.
Was ist das Landessanierungsprogramm, das Klotz für Kappel-Grafenhausen anstrebt?
Ein Landessanierungsprogramm ermöglicht es Gemeinden, über acht Jahre hinweg Fördermittel zwischen drei und sechs Millionen Euro für städtebauliche Massnahmen abzurufen. Kappel-Grafenhausen hatte bislang noch kein solches Sanierungsgebiet - Klotz hat den Antrag gestellt und das Gemeindeentwicklungskonzept in Arbeit gegeben.
Warum trat Philipp Klotz als Parteiloser an?
Klotz ist überzeugt, dass ein Bürgermeister die gesamte Gemeinde vertreten muss - was als Parteipolitiker seiner Meinung nach nicht optimal funktioniert. Am 3. Dezember 2023 gewann er die Wahl mit 58,81% der Stimmen.
Was sind die grössten aktuellen Herausforderungen in Kappel-Grafenhausen?
Der Raummangel im Rathaus, der Ganztagsanspruch in Schulen ab 2026, der Start einer Naturkindergartengruppe im Frühjahr 2026 sowie der Zielkonflikt zwischen Hochwasserschutz und Naturschutz an der Elz - etwa wegen der geschützten Bachmuscheln.
Was macht Kappel-Grafenhausen als Gemeinde besonders?
Laut Klotz zeichnet die Gemeinde ein aussergewöhnlich aktives Vereinsleben und eine motivierte Bevölkerung aus. Die Lage in der Ortenau bietet zudem kurze Wege ins Elsass und in den Schwarzwald - jeweils rund 20 Minuten. Weitere Infos unter www.kappel-grafenhausen.de.