Fotos: Privat / Mariana
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Es gibt Nachrichten, die einen sprachlos machen. Nicht weil sie laut sind, sondern weil sie so leise kommen, dass man die Stille dahinter hört. Mariana Fütterer aus Obersasbach schickt eine Sprachnachricht über WhatsApp. Sie sitzt auf dem Schoss ihres Vaters, Tränen in den Augen. Und dann sagt sie einen Satz, den man nicht mehr vergisst: „So eine Idee im Kopf zu haben, wofür es sich noch lohnt, ist das grösste Geschenk.“ Die Idee: ein Buch. Über Schmerz, über Liebe, darüber, was ein Mensch aushalten kann. Dieses RegioGespräch ist anders als gewöhnlich. Es entstand über WhatsApp, in Textnachrichten und Sprachnachrichten. Denn geplant telefonieren kann Mariana kaum noch.
Obersasbach, 27.08.2026, apg. Manchmal beginnt eine Geschichte nicht mit dem Anfang, sondern mit einem Moment. Einem Augenblick, in dem sich alles verdichtet. Mariana, 40 Jahre alt, lebt in Obersasbach im Ortenaukreis. Sie war einmal 1,74 Meter gross. Heute misst sie 1,30 Meter. Eine schwere Knochenerkrankung hat ihren Körper über die Jahre verformt, die Wirbelsäule wurde 2011 versteift, die Organe haben sich verschoben. Mariana bewegt sich mit Krücken und Rollator, wenn überhaupt. Die Nächte bringen kaum Schlaf, eine Stunde, anderthalb, dann reisst der Schmerz sie wieder heraus. Wer ihre Sprachnachrichten hört, der begegnet allerdings keiner gebrochenen Frau. Der begegnet einer Stimme voller Klarheit, voller Wärme und, ja, voller Humor.
„Ich vermisse Leichtigkeit, Eigenständigkeit und Unabhängigkeit“, sagt Mariana in einer dieser Nachrichten. Und dann, ganz beiläufig, ein Satz, der einem das Herz zusammenzieht: „Ich vermisse es, selbstständig meine Haare flechten zu können.“ Es sind diese kleinen, konkreten Bilder, die das Ausmass dessen erahnen lassen, was diese Frau jeden Tag durchlebt. Nicht die grossen medizinischen Begriffe erzählen ihre Geschichte. Sondern das Flechten eines Zopfes, das nicht mehr gelingt.
Mariana war Kosmetikerin und Visagistin, sie hat gemodelt, ist Snowboard gefahren, hat Felsen erklommen und leidenschaftlich getanzt. Bilder aus dieser Zeit zeigen eine junge Frau an einer Steilwand, mutig, frei, unbesiegbar. Heute sagt sie: „Weil ich zwar in meinem Kopf alles kann, aber mein Körper es nicht kann.“ Und dann dieses Bild, das mehr Poesie enthält als mancher Bestseller: „Ich vermisse, dass mein Körper das richtige Hotel ist, in dem ich wohnen darf.“
2016 erlitt sie einen Oberschenkelhalsbruch. Sie wog nur noch 19 Kilogramm. Es gab einen Moment, an dem Mariana bereit war, aufzugeben. Doch ihr Körper kämpfte weiter. Sie wurde von Freunden und Familie aufgefangen und begann, sich zurückzukämpfen. Jeden Morgen, 15 Minuten Fitnesstraining. Jeder Tag ein kleiner Sieg gegen das, was ihr Körper ihr auferlegt.
Jede besondere Geschichte braucht eine Person, die den Mut hat, den ersten Schritt zu tun. Für Mariana ist diese Person Nina Richter. Nina, eine enge Freundin, hat auf der Spendenplattform GoFundMe die Kampagne „Hilf Mariana, ihre Versorgung zu sichern“ gestartet. Denn was viele nicht wissen: Die Schmerzpflaster, die Mariana täglich benötigt, 20 Stück, von Kopf bis Fuss, kommen aus den USA und sind in Deutschland nicht zugelassen. Die Krankenkasse zahlt nicht. Herkömmliche Schmerzmittel wie Fentanyl oder Morphin schlagen bei Mariana nicht an. Sie verursachen lediglich Nebenwirkungen. Die Pflaster aus Übersee sind teuer. Jeden Monat. Solange Mariana lebt.
Nina und Mariana verbindet eine tiefe, stille Freundschaft. „Wir schreiben uns hin und her, wann es funktioniert“, beschreibt Nina die besondere Kommunikation der beiden. „Wir merken auch selbst, mir geht’s dann nicht gut, dann schreibe ich ihr zwei Tage später. Also wir sind immer sehr verbunden.“ Was zunächst nach wenig klingt, ist in Marianas Welt ein kostbares Geschenk. Denn Telefonieren fällt ihr schwer, Besuche sind kräftezehrend. Die Sprachnachrichten auf WhatsApp, für viele von uns eine Beiläufigkeit, sind für Mariana ein Lebenselixier: „Die Momente, in denen ich es dann höre, das sind genau die Richtigen.“
Wussten Sie schon? 5 Fakten zu Marianas Geschichte
› Mariana war 1,74 Meter gross. Durch die Verformung ihrer Knochen schrumpfte sie auf 1,30 Meter.
› Jeden Abend klebt ihre Mutter ihr 20 Schmerzpflaster, von Kopf bis Fuss. Die Pflaster stammen aus den USA und werden von der deutschen Krankenkasse nicht erstattet.
› 2016 erlitt Mariana einen Oberschenkelhalsbruch. Sie wog zu diesem Zeitpunkt nur noch 19 Kilogramm.
› Ihre Freundin Nina Richter startete eine GoFundMe-Kampagne. Bis heute haben 230 Spenderinnen und Spender insgesamt mehr als 14.000 Euro zusammengetragen.
› Früher war Singen eine von Marianas grossen Leidenschaften. In einem bewegenden YouTube-Video dankt sie allen Unterstützern, singend, mit dem Lied „Ein Hoch auf uns“.
Und dann ist da die Mutter. Sie ist 70 Jahre alt. Man muss ihre Worte gehört haben, um zu begreifen, was bedingungslose Liebe wirklich bedeutet. Jahrelang fuhr sie mit dem Zug von Karlsruhe nach Achern, dann mit dem Bus nach Obersasbach und lief den Rest zu Fuss, mehrmals die Woche. Nachts um Viertel nach elf den gleichen Weg zurück. Später zog sie in die Nachbarwohnung. „Mein Leben hat sich komplett verändert, komplett“, sagt sie.
Abends kocht sie, hilft beim Waschen, Anziehen, richtet Medikamente, klebt die 20 Schmerzpflaster. Dann sitzen sie noch ein wenig zusammen am Tisch. „Es zieht sich alles wahnsinnig in die Länge, weil sie schwach ist. Und ich bin auch langsam, sehr langsam geworden.“ Nachts schläft auch die Mutter kaum. Wenn Mariana eine Wärmflasche braucht, schreibt sie per WhatsApp, und in einer Minute ist ihre Mutter da.
Woher sie die Kraft nimmt? „Das ist eigentlich die Liebe, die Liebe zu meinem einzigen und schwerkranken Kind.“ Und dann wieder ein Satz, der in seiner Schlichtheit grösser ist als jede Abhandlung über Aufopferung: „Als Mama kann man sehr, sehr, sehr, sehr viel. Ich halte es aus, aber ich wünsche es niemandem.“
Es sind Sätze, bei denen dem Autor dieses Textes die Augen feucht werden. Das darf so stehen bleiben. Denn wenn Journalismus nur noch sachlich ist, verliert er das Wichtigste: die Menschlichkeit.
Dem Mystiker Meister Eckhart wird zugeschrieben:
„Nichts ist so gallebitter wie Leiden: und nichts so honigsüss wie Gelitten haben.“
Mariana kennt dieses Zitat. Als sie es liest, greift sie es auf und macht es zu ihrem eigenen Bild: „Ich muss dieses Buch endlich in die Tat umsetzen, damit all dieses Leiden einen honigsüssen Geschmack für die Allgemeinheit hier hinterlässt.“
Ein Buch also. Zwei Manuskripte hat Mariana bereits begonnen. Nun möchte sie ein weiteres angehen, und dieses Mal soll es gelingen. Es soll davon erzählen, was ein Mensch aus dem Schmerz lernen kann. Wie man Würde behält, wenn der eigene Körper einem nahezu alles nimmt. Und dass es sich lohnt, an den Momenten festzuhalten, die das Leben noch schenkt. An dem 15-Minuten-Fitnesstraining am Morgen. An den zwei Freunden, die abends vorbeikommen. An der Sprachnachricht einer Freundin, die genau im richtigen Moment eintrifft.
„So eine Idee im Kopf zu haben, wofür es sich noch lohnt, ist das grösste Geschenk“, sagt Mariana. In diesem Satz liegt alles: Schmerz und Hoffnung, Realismus und Träumerei, Abschied und Anfang.
Am Ende dieser Geschichte steht kein Schlusspunkt, sondern ein Lied. Mariana hat ein Video aufgenommen, in dem sie allen Spenderinnen und Spendern dankt, singend. „Ein Hoch auf uns, auf dieses Leben, auf den Moment, der immer bleibt.“ Früher war Singen eine Leidenschaft, heute schafft es manchmal auch Leiden, weil die Stimme nicht mehr so will wie einst. Aber Mariana singt trotzdem. Weil sie kann. Weil sie lebt. Und weil jeder dieser Momente zählt.
Sehen und hören Sie selbst: https://youtube.com/shorts/aEgfWveEMj0
Marianas Geschichte ist keine, die man liest und dann vergisst. Wenn Sie helfen möchten, damit die Schmerzpflaster weiterhin bezahlt werden können, damit die Mutter mit der doppelten Miete entlastet wird und damit Mariana ihren Traum vom Buch vielleicht wahr machen kann, die GoFundMe-Kampagne läuft weiter:
Jeder Euro hilft. Jedes Teilen dieses Artikels hilft. Und manchmal hilft auch einfach der Gedanke, dass da draussen jemand an einen denkt oder betet.
Mariana hat uns gezeigt, was Mut bedeutet. Nicht der laute, heldenhafte Mut aus den Hollywood-Filmen. Sondern der leise, tägliche Mut, morgens aufzustehen, obwohl die Nacht nur eine Stunde Schlaf gebracht hat. Der Mut, zu singen, obwohl die Stimme bricht. Der Mut, ein Buch schreiben zu wollen, obwohl die Hand kaum noch gehorcht. Wir verneigen uns.
Und nun sind Sie gefragt, liebe Leserinnen und Leser: Was gibt Ihnen Kraft in schweren Zeiten? Was hilft Ihnen, an den guten Momenten festzuhalten? Schreiben Sie es in die Kommentare, Mariana liest mit.
Text: apg.