Der alte Vater Frost hatte einen Sohn, den Jungfrost. Dieses Söhnchen war einsolcher Angeber, dass man's einfach nicht beschreiben kann, auch wenn manes möchte. Wer ihm so zuhörte, der musste glauben, es gebe auf der Welt keinenKlügeren und Stärkeren als ihn. Und eines Tages kam diesem Söhnchen, demJungfrost, ein Gedanke: Mein Vater ist schon alt. Er macht seine Sacheschlecht. Ich bin jung und stark und kann die Menschen viel besser erfrierenlassen. Vor mir rettet sich keiner. Und niemand kann's mit mir aufnehmen, ichkriege sie alle unter!
So machte sich der Jungfrost auf und suchtesich ein Opfer. Und wie er so auf dem Weg herumflog, sah er einen Schlittendaherkommen, mit einem wohlgenährten Ross davor und einen reichenGutsherrn darin. Der war wohlbeleibt, trug einen guten warmen Pelz, und seine Beinewaren in eine Decke eingehüllt.
Der Jungfrost sah den reichen Mann an und lachtesich eins.
Oho, denkt er, ob du dich einmummelst odernicht, vor mir gibt's sowieso keine Rettung. Der Alte, mein Vater, hätte dichvielleicht nicht gepackt, aber ich nehme dich so in Arbeit, dass dir derAtem vergeht! Kein Pelz und keine Decke helfen dir!
Der Jungfrost flog den Gutsherrn an und begannihm zuzusetzen: Unter die Decke kroch er, drang in die Ärmel, schob sich hinterden Kragen, zwickte ihn an der Nase. Der Herr befahl seinem Diener, schnellerzu fahren. «Sonst erfriere ich ja!» schrie er.
Der Jungfrost rückte dem Reichen noch mehr zuLeibe, zwackte ihn noch schmerzhafter an der Nase, ließ Finger undZehen erstarren, sperrte ihm den Atem.
Der Herr versuchte es auf jede Art: rollte sichwie ein Igel zusammen, zog Arme und Beine an den Leib und schubberte hin undher auf seinem Platz.
«Mach hin», schrie er, «fahr schneller!»
Dann hörte er auf zu schreien, er hatte dieStimme verloren.
So gelangte der Herr zu seinem Gut. Halbtotwurde er aus dem Wagen getragen.
Drauf flog der Jungfrost zu seinem Vater, demalten Frost, und prahlte, was das Zeug hielt:
«Vater! Höre zu: was ich für einer bin! Was ichfür einer bin! Wie kannst du, alter Vater, dich mit mir messen! Sieh nur malan, was für einen reichen Mann ich fast zum Erfrieren brachte! Schau nur, unterwelch warmen Pelz ich schlüpfte. Du wagst dich nicht unter einen solchen Pelz!Du kannst niemals einen solchen Herrn zum Erfrieren bringen!»
Da lächelte der alte Frost und sprach:
«Na, du bist doch ein Aufschneider! Noch ist'szu früh, dich deiner Kräfte und deiner Verwegenheit zu rühmen. Na schön, duhast einen dicken Gutsherrn fast erfrieren lassen, hast ihm unter den Pelzgeblasen, das stimmt schon. Aber ist das denn wirklich so eine große Sache?Sieh mal hin, dort unten am Waldrand fährt ein abgehärmtes Bäuerlein in einemzerlöcherten, abgeschabten Pelz. Und den Schlitten zieht eine Schindmähre.Siehst du?»
«Ich sehe!»
«Das Bäuerlein fährt in den Wald Holz hacken.Versuche doch mal, ihn erfrieren zu lassen. Wenn du das fertigbringst, glaubeich dir, dass du tatsächlich ein starker Kerl bist!»
«Na, das ist doch eine Kleinigkeit», antworteteder Jungfrost. «Den mache ich im Nu zu einem Eiszapfen!« Gleich wirbelte derJungfrost los und flog dem Bauern nach, holte ihn ein, warf sich mit allerEiseskälte auf ihn und blies ihn bald von der einen, bald von der anderen Seitean. Aber der Bauer fuhr unverdrossen weiter. Der Jungfrost zwickte ihm in dieBeine. Da sprang der Mann von der Fuhre und lief neben dem Pferdchen her.
Nanu, dachte der Frost. Wart mal! Im Wald macheich dich schon zu Eis. Der Bauer kam in den Wald, holte sein Beil hervor undbegann, Tannen und Birken abzuschlagen, dass die Späne nur so nach allenSeiten flogen. Aber der Jungfrost ließ ihm keine Ruhe. Er packte ihn anden Händen, an den Füssen, schlüpfte unter seinen Kragen ...
Und je mehr der Frost sich mühte, umsokräftiger schwang der Bauer sein Beil, umso stärker hieb er auf die Bäume ein.Dabei geriet er so in Hitze, dass er sogar die Fausthandschuhe abstreifte.
Lange versuchte es der Jungfrost mit demBauern, bis er schließlich müde war.
Na schön, dachte er, am Ende mache ich dichkalt. Ich packe dich bis auf die Knochen, wenn du nach Haus fährst. Er schwebtezum Schlitten, wo die Fausthandschuhe lagen, und kroch hinein. Da saß ernun und kicherte still vor sich hin. Will doch mal sehen, wie der Bauer seine Handschuheanzieht. Sie sind steinhart, keinen Finger kann man hineinstecken!
Der Jungfrost saß also in den Handschuhen desBauern, der aber fuhr emsig fort, das Beil zu schwingen.
Und er arbeitete so lange, bis die Fuhre bisoben hin mit Holz beladen war.
«So», sagte er, «jetzt kann ich nach Hausefahren.»
Der Bauer nahm seine Handschuhe, wollte sieanziehen, aber sie waren wie aus Eisen.
Na, was wirst du jetzt machen? dachte derJungfrost voller Spott.
Der Bauer aber, als er sah, dass dieHandschuhe steinhart waren, nahm kurzerhand sein Beil und schlug auf sie ein.
Der Bauer hieb mit dem Beilrücken auf die Handschuhe,bumm, bumm, der Frost darin aber wimmerte: «0 weh, o weh!»
Und so stark schlug der Bauer den Frost,dass der sich mehr tot als lebendig herausschlich und schaute, dass erdavon kam.
Der Bauer fuhr heim, den Karren voller Holz,und trieb sein Pferdchen an. Der Jungfrost aber humpelte stöhnend zu seinemVater.
Als der alte Frost ihn sah, fragte er grinsend:«Warum kannst du dich denn kaum auf den Füssen halten, Söhnchen?»
«Hab' mich zu Tode gequält, bis ich den Bauernzum Frieren brachte.»
«Aber warum denn, Jungfrost, mein Söhnchen,stöhnst du so kläglich?»
«Der Bauer hat mich durchgewalkt mit seinemBeil. Ich habe Beulen und blaue Flecken.»
«Das wird dir, Jungfrost, hoffentlich eineLehre sein. Mit reichen, verwöhnten Leuten kann man leicht fertig werden. Aber einenBauern oder Leute, die sich in der Winterluft richtig bewegen, die kriegst dunie. Merk dir das!»
Herzliche Grüße
Katrin Bamberg
Öffentliche Erzähltermine:
Sonntag, 01.02.2026 15 Uhr, Theater der 2 Ufer - Sonntagsmärchen
Freitag, 06.02.2026 19 Uhr, Kirche Sand - Wunschpunsch
Freitag, 13.03.2026 19 Uhr, Kirche Sand - Wunschpunsch
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