Bildnachweis: © Landesanstalt für Bienenkunde, Universität Hohenheim (Vergleichsgrafik) / Quelle Artikel: Regio Media eG / apg
Vespa velutina breitet sich rasant aus: Bereits über 1.500 Nester in Baden-Württemberg gemeldet - was Sie jetzt wissen sollten und wie Ehrenamtliche dagegen halten
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Sie fliegt leiser als ihre europäische Verwandte, baut ihre Nester in Heizkellern, unter Gullideckeln und an Deckenlampen - und sie vermehrt sich schneller, als die Behörden hinterherkommen. Die Asiatische Hornisse hat die Ortenau erreicht. Für Menschen ist sie ungefährlich. Für die Biodiversität nicht.
05.08.2026, Ortenaukreis, apg. Ein Samstagmorgen in Sasbach, Anfang August. Auf dem Rewe-Parkplatz treffen sich neun Imker aus verschiedenen Vereinen des Ortenaukreises - aus Achern, Schutterwald, Berghaupten und Gengenbach. Manche tragen Imkerhüte mit schwarzem Fliegennetz, andere leuchtend orangefarbene Schutzanzüge. In der Mitte stehen Gabriele und Bernd Krög aus Sasbach. Sie leiten heute eine Praxisschulung, die es so vor wenigen Jahren noch nicht gab: die fachgerechte Entfernung von Nestern der Asiatischen Hornisse (Vespa velutina nigrithorax).
Der Imkerverein Achern ist einer der wenigen Vereine in Baden-Württemberg, die von der Landesanstalt für Bienenkunde (LAB) an der Universität Hohenheim berechtigt sind, solche Praxiskurse für amtlich bestellte Nestentferner anzubieten. Voraussetzung: ein vorher absolvierter Online-Theoriekurs der LAB.
Es ist kein theoretisches Planspiel. Drei echte Nester stehen auf dem Programm. Die Gruppe fährt zu einem Primärnest am Gewächshaus der Gärtnerei Burst in Obersasbach, dann zu einem Nest unter einem Gullideckel in Achern und schliesslich zu einem Nest in einem Heizungskeller in Bühl. Drei Orte, drei unterschiedliche Situationen - und jedes Mal die gleiche Frage: Wie bekommt man die Tiere sicher und effizient weg?
Die Geschichte der Asiatischen Hornisse in Europa beginnt im Jahr 2004, als die Unterart Vespa velutina nigrithorax vermutlich über Warentransporte aus China nach Südwestfrankreich gelangte. Ein Imker sagt scherzhaft: „Sie kamen mit Temu.“
Von dort breitete sie sich mit einer Geschwindigkeit von rund 60 bis 80 Kilometern pro Jahr aus - über Spanien, Portugal, Belgien, die Niederlande und schliesslich nach Deutschland. Der Erstnachweis auf deutschem Boden stammt aus dem Jahr 2014: in Waghäusel, Baden-Württemberg. In Hamburg wurde sie erst 2019 nachgewiesen.
Seitdem hat sich die Lage dramatisch verändert. Die Landesanstalt für Umwelt Baden-Württemberg (LUBW) verzeichnete auf ihrer Fundortkarte Stand Anfang August 2026 bereits 3.741 Einzeltierfunde und 1.542 gemeldete Nester im laufenden Jahr - landesweit. Allein im Ortenaukreis wurden laut Angaben der Acher-Rench-Zeitung im laufenden Jahr rund 250 Nester gemeldet, etwa dreimal so viel wie im Vorjahr. Die Badische Zeitung (bo.de) berichtete bereits im März 2026, dass 2025 in der Ortenau 569 Nester registriert worden seien - von denen lediglich 316 entfernt werden konnten. Die Differenz zeigt das Problem: Es gibt schlicht nicht genug geschulte Fachkräfte.
Seit Mai 2025 gilt die Asiatische Hornisse offiziell als „weit verbreitet“ in Deutschland. Sie unterliegt der EU-Verordnung 1143/2014 über invasive gebietsfremde Arten von unionsweiter Bedeutung. Die Konsequenz: Es besteht eine Pflicht zum Management, also zur Eindämmung und Überwachung.
Eines vorweg, weil es oft missverstanden wird: Die Asiatische Hornisse ist für den Menschen nicht gefährlicher als eine Wespe oder eine Honigbiene. Ihr Stich ist schmerzhaft, aber medizinisch vergleichbar. Wer nicht allergisch reagiert, hat nichts zu befürchten. Auch die Europäische Hornisse (Vespa crabro), die unter Naturschutz steht, ist für Menschen harmlos - sie greift nur an, wenn sie sich bedroht fühlt.
Die eigentliche Gefahr der Asiatischen Hornisse liegt in ihrem Jagdverhalten. Sie praktiziert das sogenannte „Hawking“: Sie schwebt vor Bienenstöcken in der Luft und fängt heimkehrende Honigbienen im Flug. Ein einziges Volk der Asiatischen Hornisse kann erhebliche Verluste an Bienenvölkern verursachen. In Regionen Frankreichs, in denen sich die Art ungebremst ausbreiten konnte, wurden laut dem Bayerischen Landesamt für Weinbau und Gartenbau erhebliche Beeinträchtigungen an Bienenvölkern beobachtet.
Doch es geht nicht nur um Honigbienen. Die Asiatische Hornisse erbeutet auch Wildbienen, Schwebfliegen, Schmetterlinge und andere Bestäuber. Sie ist, wie Ernst Kafka, Vorsitzender des Imkervereins Achern, betont: „Kein Imkerproblem. Es ist ein Problem der Biodiversität.“
Die Verwechslungsgefahr mit der heimischen Europäischen Hornisse ist gross - und genau das macht die Situation so heikel. Wer die falsche Art tötet, macht sich strafbar, denn die Europäische Hornisse steht unter strengem Naturschutz. Die Asiatische Hornisse hingegen steht nicht unter Schutz. Kleine Nester in der Gründungsphase darf sogar jeder selbst entfernen.
Die wichtigsten Unterscheidungsmerkmale: Die Asiatische Hornisse hat einen überwiegend schwarzen Körper mit einem charakteristischen gelb-orangen Ring am Hinterleib. Das auffälligste Merkmal sind die gelben Füsse - nicht die gesamten Beine, sondern nur die Tarsen, also die Fussglieder. Die Europäische Hornisse hingegen hat einen rotbraunen Kopf und Thorax mit gelblichen Streifen am Hinterleib. Im Flug gibt es einen weiteren Unterschied, den Hubert Bruder, Bauhofleiter in Berghaupten und Teilnehmer der Sasbacher Schulung, so beschreibt: „Die Europäischen brummen ganz anders. Das klingt wie ein 1000-Kubik-Motorrad.“ Die Asiatische Hornisse dagegen fliege deutlich leiser. Wer sie einmal gehört habe, erkenne sie am Ton.
Asiatische Hornisse (links) und Europäische Hornisse (rechts) im direkten Vergleich: Schwarzer Körper und gelbe Füsse kennzeichnen die invasive Art, rotbrauner Kopf und gelbliche Streifen die geschützte heimische Art. Grafik: Landesanstalt für Bienenkunde, Universität Hohenheim

Die Methode der Nestentfernung, die Gabriele und Bernd Krög bei der Schulung demonstrieren, ist pragmatisch und wirksam: Ein umgebauter Industriestaubsauger mit Sammelbox wird eingesetzt, um die Tiere - möglichst mitsamt der Königin - abzusaugen. Die gefangenen Hornissen werden anschliessend eingefroren, was von den zuständigen Behörden als humane Tötung anerkannt ist. Die Ausrüstung der Nestentferner umfasst einen Vollschutzanzug, Handschuhe und den speziellen Sauger mit Schlauch, der in das Nest eingeführt wird.
Für die Arbeit gibt es von offizieller Seite wenig Geld. Das Land Baden-Württemberg zahlt 60 Euro für die Entfernung eines Primärnestes. Ab September sollen es 200 Euro für Grossnester sein - solange der Fördertopf reicht. Das Budget für das gesamte Jahr 2026 beträgt landesweit 95.000 Euro. Angesichts von über 1.500 gemeldeten Nestern allein bis August eine überschaubare Summe. Bernd Krög wünscht sich deshalb, dass Kommunen und Kreise künftig eigene Mitarbeiter schulen - etwa vom Bauhof oder von der Feuerwehr -, damit sich Imker wieder stärker ihren eigentlichen Aufgaben widmen können.
Im Januar 2026 kündigte Landwirtschaftsminister Peter Hauk an, das Massnahmenpaket zur Bekämpfung der Asiatischen Hornisse fortzuführen. Dazu gehören die Finanzierung der Nestentfernungen, die Ausbildung über die Landesanstalt für Bienenkunde an der Universität Hohenheim und die Meldeplattform der LUBW. Das Umweltministerium forscht zudem an neuen Methoden zur effektiven und kostengünstigen Bekämpfung von Nestern.
Ob das Tempo der Massnahmen mit der Ausbreitungsgeschwindigkeit der Art mithalten kann, bleibt eine offene Frage. Die Zahlen der LUBW sprechen eine deutliche Sprache: Von knapp 600 Nestern in der Ortenau 2025 auf geschätzt das Dreifache im laufenden Jahr - und das ist nur das, was gemeldet wird.
Wer ein Nest oder ein einzelnes Tier entdeckt, sollte ein Foto machen - und zwar möglichst vom Tier selbst, nicht vom Nest. Denn die Bestimmung erfolgt anhand der Merkmale des Insekts. Den Fund melden Sie über die offizielle Meldeplattform der LUBW unter lubw.baden-wuerttemberg.de/asiatische-hornisse-melden oder direkt beim örtlichen Imkerverein. Per E-Mail erreichen Sie die Landesanstalt für Bienenkunde unter velutina@uni-hohenheim.de.
Was Sie nicht tun sollten: In Panik geraten. Die Asiatische Hornisse ist nicht aggressiver als andere Wespenarten. Sie sticht nur, wenn sie sich bedrängt fühlt. Und bitte verwechseln Sie sie nicht mit der geschützten Europäischen Hornisse. Im Zweifel gilt: Foto machen, melden, Fachleute entscheiden lassen. Oder, wie Bernd Krög den Teilnehmern seiner Schulung mit auf den Weg gibt: „Wenn etwas schiefläuft, dann tut es weg.“ Eine nüchterne Anweisung, die in der Praxis Gold wert ist.
Die Asiatische Hornisse wird bleiben. Vollständig ausrotten lässt sie sich nach Einschätzung aller Fachleute nicht mehr. Aber ihr Tempo bremsen, ihre Schäden begrenzen und vor allem: die heimische Natur schützen - das liegt in der Hand jedes Einzelnen. Achten Sie auf gelbe Füsse.
Meldung, Hilfe - die wichtigsten Links
Wer wissen will, ob eine Hornisse im Garten tatsächlich eine Asiatische Hornisse ist, findet bei der Landesanstalt für Bienenkunde der Universität Hohenheim kostenlose Bestimmungshilfen zum Herunterladen und Ausdrucken - auch für Imkervereine und Kommunen. Das Infomaterial darf in unveränderter Form frei verwendet und weitergegeben werden.
| Bestimmungshilfe und Infomaterial (LAB Uni Hohenheim) | bienenkunde.uni-hohenheim.de/velutina-infomaterial |
| Fund melden (LUBW-Meldeplattform) | lubw.baden-wuerttemberg.de/natur-und-landschaft/asiatische-hornisse-melden |
| Fundortkarte mit aktuellen Daten (LUBW) | lubw.baden-wuerttemberg.de/natur-und-landschaft/asiatische-hornisse-fundortkarte |
| Kontakt Landesanstalt für Bienenkunde | velutina@uni-hohenheim.de |
| NABU Baden-Württemberg, Artenporträt und Unterscheidungshilfe | baden-wuerttemberg.nabu.de/tiere-und-pflanzen/insekten-und-spinnen/hautfluegler/artenportraets/17059.html |
Wichtig: Bitte melden Sie jeden Fund mit Foto - am besten vom Tier selbst, nicht nur vom Nest. Die Bestimmung erfolgt anhand der Körpermerkmale. Meldungen sind auch über den örtlichen Imkerverein möglich.
Ist die Asiatische Hornisse gefährlich für Menschen?
Nein, nicht gefährlicher als eine Wespe oder eine Honigbiene. Der Stich ist schmerzhaft, aber medizinisch vergleichbar. Wer nicht allergisch reagiert, hat nichts zu befürchten. Sie sticht nur, wenn sie sich bedrängt fühlt.
Woran erkenne ich die Asiatische Hornisse?
An dem überwiegend schwarzen Körper mit gelb-orangem Ring am Hinterleib und vor allem an den gelben Füssen, genauer den Tarsen. Die Europäische Hornisse hat dagegen einen rotbraunen Kopf und Thorax mit gelblichen Streifen. Im Zweifel: Foto machen und melden.
Was soll ich tun, wenn ich ein Nest entdecke?
Ein Foto vom Tier machen, nicht nur vom Nest, und den Fund über die LUBW-Meldeplattform oder den örtlichen Imkerverein melden. Kleine Nester in der Gründungsphase darf jeder selbst entfernen, bei grösseren Nestern entscheiden Fachleute.
Warum ist die Asiatische Hornisse ein Problem für die Natur?
Sie fängt heimkehrende Honigbienen im Flug und erbeutet auch Wildbienen, Schwebfliegen und Schmetterlinge. Ein einziges Volk kann erhebliche Verluste an Bienenvölkern verursachen. Es ist kein reines Imkerproblem, sondern ein Problem der Biodiversität.
Kann die Asiatische Hornisse noch ausgerottet werden?
Nach Einschätzung aller Fachleute nicht mehr. Sie wird bleiben. Möglich ist, ihr Tempo zu bremsen und ihre Schäden zu begrenzen. Dafür braucht es Meldungen, geschulte Nestentferner und ausreichend Fördermittel.
Quelle: Regio Media eG / apg | Daten: LUBW, Landesanstalt für Bienenkunde Universität Hohenheim, Acher-Rench-Zeitung, Badische Zeitung | Stand: August 2026
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